„In meinem achten Jahr aber wurde ich zu geistlichem Leben Gott dargebracht (oblata) und bis zu meinem fünfzehnten Jahr war ich jemand, der vieles sah und mehr noch einfältig aussprach, so dass auch die, welche diese Dinge hörten, verwundert fragten, woher sie kämen und von wem sie stammten.“ Autobiografie – Hildegard von Bingen
Wenn ihr meine Rezepte durchlest, wird euch auch diese Frau immer wieder begegnen. Ich habe mittlerweile schon einige Kräuterbücher oder sonstige Fachliteratur gelesen, wo Zitate oder Rezepte von Ihr angeführt wurden, jedoch nicht genauer auf Sie eingegangen wurde. Wer war Hildegard von Bingen? Warum ist diese Nonne aus dem Mittelalter noch so bekannt? Ich möchte euch die Geschichte dieser Frau nicht vorenthalten. „Hildegard von Bingen“ war mir immer ein Begriff, das war John F. Kennedy auch! Mir war allerdings nicht klar, was an Ihr so besonders war. Durch die Ausbildung zum Kräuterpädagogen hatte ich dann mehr Kontakt zu dieser Frau und mich fasziniert es nach wie vor, wie mich diese Frau in kurzer Zeit in ihren Bann gezogen hat.
In der deutschen Geschichte ist Hildegard von Bingen bis heute eine einzigartige Erscheinung. Die Ausnahme-Universalgelehrte ist uns vor allem durch die von Gott gegebenen Visionen bekannt und laut ihren Thesen ist die Umwelt, Mensch, Seele und Leib in stetiger Verbindung. Diese besonderen Schriften helfen uns heute ein neues Bild von Natur, Leben, Seelenheil und Umwelt zu gewinnen und zurück zu erlangen. Bereits von vielen ihrer Zeitgenossen war die Gründerin und Leiterin zweier Frauenklostern als Botschafterin Gottes bekannt und verehrt. Von Sammlungen von Briefen, eine Autobiografie, Lieder und Gedichte, theologischen Schriften bis zu den medizinisch-naturkundlichen Büchern reichen die Inhalte Ihrer Schriften und Büchern.

Als eines von zehn Kindern wurde Hildegard von Bermersheim im Jahr 1098 bei Mainz geboren und im Alter von acht Jahren zur geistlichen Erziehung von ihren Eltern der Klausnerin Jutta von Sponheim auf dem Disibodenberg übergeben. Die Klöster in dieser Zeit waren Hochburgen der Wissenschaften und Zentren der Begegnung für Künste und Bildung, daher hatte Hildegard das Glück eine umfassende Bildung und Ausbildung zu genießen. Sie wurde zudem in Rhetorik, Geometrie, Musik, Grammatik, Astronomie und Arithmetik unterrichtet und im Singen der Psalmen und den Gesängen Davids unterwiesen. Im Alter von 15 Jahren legte sie die heiligen Gelübde ab und wurde zur Benediktinerin. Hildegard wurde im Alter von 38 Jahren nach dem Tod der Klausnerin Jutta von Sponheim einstimmig zur geistlichen Mutter des Frauenklosters gewählt. Vier Jahre später erhält sie göttliche Visionen und begann alles zu dokumentieren und zu verkünden, was Ihr ab diesem Zeitpunkt offenbart wurde. Es entstanden Schriftwerke, die in der europäischen Geschichte des Mittelalters beispiellos waren. Keiner von den männlichen Zeitgenossen Hildegards ist ein so vergleichbares umfangreiches Werk bekannt. Ihr erstes Werk: „SCIVIAS“ übersetzt: „Wisse die Wege“, handelt von der Schau der Schöpfung und der Erlösung der Welt. Hildegard schrieb dieses Buch mit der Unterstützung des Mönchs Volkmar und der Nonne Richardis von Stade.
„Ich aber, obgleich ich diese Dinge hörte, weigerte mich lange Zeit, sie niederzuschreiben – aus Zweifel und Missglauben und wegen der Vielfalt menschlicher Worte, nicht aus Eigensinn, sondern weil ich der Demut folgte und das so lange, bis die Geißel Gottes mich fällte und ich ins Krankenbett fiel; dann, endlich bewegt durch vielerlei Krankheit […] gab ich meine Hand dem Schreiben anheim. Während ich’s tat spürte ich […] den tiefen Sinn der Heiligen Schrift; und ich erhob mich so selbst von der Krankheit durch die Stärke, die ich empfing und brachte dies Werk zu seinem Ende – eben so – in zehn Jahren. […] Und ich sprach und schrieb diese Dinge nicht aus Erfindung meines Herzens oder irgend einer anderen Person, sondern durch die geheimen Mysterien Gottes, wie ich sie vernahm und empfing von den himmlischen Orten. Und wieder vernahm ich eine Stimme vom Himmel, und sie sprach zu mir: Erhebe deine Stimme und schreibe also!“
so schreibt Hildegard in ihrem Werk „SCIVIAS“. Heutige Neurologen nehmen an, dass Hildegard an einer schweren Migräne oder an Skotom litt, dass Ihre Visionen und Lichtgestalten wissenschaftlich erklären ließe. Im Jahr 1147 setzte Papst Eugen der Dritte eine Kommission ein, die die Sehergabe von Hildegard prüfen und schliesslich bestätigen sollte. Die Konsequenz aus der Prüfung war die offizielle Anerkennung der Gabe. Er trug aus Ihrem Werk „SCIVIAS“ vor und ermutigte Hildegard zur Vervollständigung Ihres Werkes. Mit dem päpstlichen Rückhalt wurde die Magistra eines unscheinbaren Klosters zu einem Star des mittelalterlichen Europas. Sie war nun in ganz Europa bekannt und dies half Ihr sich von dem Kloster Disibodenberg zu lösen. Sie wurde auf diesem Kloster lange von den Mönchen unterdrückt, zumal diese durch Hildegard einen großen Bekanntschaftsgrad erlangt hatten. Sie gründete 1150 das Kloster Rupertsberg bei Bingen und wurd, wie der Name auch sagt, zu „Hildegard von Bingen“. Das Kloster bzw. die Stadt gab ihr den Beinamen. Auf das Kloster herrschte ein großer Andrang und wuchs stetig an. Viele Menschen suchten den Rat und Hilfe Hildegard. Mit bedeuteten Persönlichkeiten aus dem europäischen Hochadel und Kirche unterhielt sie umfangreichen Briefwechsel. Darunter fielen: Päpste wie Eugen der Dritte, Anastasius der Vierte, Hadrian der Vierte und Alexander der Dritte, Erzbischöfen von Köln, Salzburg, Trier und Mainz, sowie König Heinrich der Zweite von England, Kaiser Barbarossa, König Konrad der Dritte, Gräfinnen, zahlreiche Herzöge, Äbte und Priester. Es wendeten sich jedoch auch einfache Menschen an sie. Den Ruf der „rheinischen Sibylle“ erhält sie durch die Briefe an das Volk und durch die wichtigen Persönlichkeiten. Von den Naturkräften war das Welt- und Menschenbild der Hildegard bestimmt und ihre Freude am Sein ging Hand in Hand mit der existenziellen Teilnahme an allen Krankheiten und Kranken.
In dem Zeitraum von 1151 bis 1158 entstanden ihre Werke „PHYSICA“ (Heilkraft der Natur) und „CAUSAE ET CURAE“ (Ursachen und Behandlung der Krankheiten – Heilwissen).
Um 1165 übernahm sie das Kloster Eibingen bei Rüdesheim.
Im Alter von 81 Jahren, am 17.09.1179, starb Hildegard auf dem Rupertsberg bei Bingen. In dem Werk „VITA“, hatte Gott ihr ihren Tod in einer Vision bereits mitgeteilt. Sie kündigte daraufhin den Schwestern in ihrem Kloster ihr ableben an. Sie war schon seit ihrer Kindheit durch zahlreiche Krankheiten geschwächt und so ging wohl die Prophetin gelassen auf ihre letzte Reise. Zeitzeugen berichteten nach ihrem Tod von einem hellen Licht, dass über ihrem Grab schien und es geschahen zahlreiche Wunder an ihrer letzten Ruhestätte. Menschen kamen in Scharen zu ihr und bald war das Kloster überbelastet. Der Bischof von Mainz wurde gebeten, an dem Grab der Äbtissin Hildegard, ein Verbot auszusprechen das ihr untersagte Wunderheilungen zu vollbringen. Ab diesem Moment geschahen keine Wunder mehr, jedoch blieb die Persönlichkeit „Hildegard von Bingen“ im Gedächtnis der Menschen am Leben.

Zwei Jahre nach ihrem Tod wurde ihre Heiligsprechung beantragt, jedoch wurde laut Kirche der Antrag verlegt und könne nicht bearbeitet werden. Hildegard ist bis heute noch nicht heilig gesprochen worden.
Euer Christoph / dieKräuterüche